Das zweite Quartal 2026 wird zur echten Bewährungsprobe für Anleger: Steigende Energiepreise, geopolitische Eskalationen, ein spürbarer Stimmungswechsel bei KI und ein Zinsumfeld, das keine klaren Signale mehr sendet.
Wir erleben nicht einfach nur höhere Volatilität, sondern einen fundamentalen Wandel in der Bewertung von Risiken.
Rückblick Q1 2026
Das erste Quartal 2026 stand an den Kapitalmärkten im Zeichen eines markanten Spannungsfeldes: einer überraschend robusten Weltkonjunktur auf der einen Seite und einer eskalierenden geopolitischen Lage auf der anderen. Zu Jahresbeginn setzte sich zunächst die positive Grundstimmung aus dem Börsenjahr 2025 fort. Europäische Märkte gerieten dann im Quartalsverlauf unter Druck – der DAX verlor im 1. Quartal rund 7,4 %, der Stoxx 600 rund 1,5 % –, während US-amerikanische Indizes ebenfalls unter dem Gewicht politischer Unsicherheiten und eines weiterhin schwachen US-Dollars litten.
Die dominante Entwicklung des Quartals war indes die militärische Eskalation im Nahen Osten: Die USA und Israel führten gezielte Schläge gegen militärische und politische Einrichtungen des iranischen Regimes durch. Der Konflikt traf die Weltwirtschaft an einem neuralgischen Punkt, da ein erheblicher Anteil der global gehandelten Energierohstoffe sowie petrochemischen Erzeugnisse über die Straße von Hormus transportiert wird. Die unmittelbare Folge war ein deutlicher Anstieg der Energiepreise – der Ölpreis (WTI) stieg im bisherigen Jahresverlauf um rund 77 %, während der TTF-Erdgaspreis ebenfalls sprunghaft zulegte.
Gold verzeichnete im März einen deutlichen Rücksetzer von rund 11,6 %, bleibt im bisherigen Jahresverlauf jedoch mit rund 8 % im Plus – gestützt von geopolitischen Unsicherheiten und einer anhaltend hohen Nachfrage der Notenbanken. Damit hat Gold seit Jahresbeginn 2025 eine kumulierte Wertsteigerung von über 64 % (in USD) erzielt.
Quelle: Bloomberg LLP, EFC Wealth
Ausblick
Die Energieverknappung führt zu einem strukturellen Anstieg der Inflationsrisiken und erschwert den Zentralbanken die Entscheidungsfindung.
„In einem so unbeständigen Marktumfeld liegt das größte Risiko darin, zu sehr auf einen bestimmten Ausgang zu setzen.“ Ales Koutny, Head of International Rates, Vanguard Europe
Die Eskalation im Nahen Osten hat die Finanzmärkte in extreme Volatilität versetzt. Für Anleger ist die Lage paradox: Klassische Sicherungsmechanismen scheinen nur bedingt zu greifen. An den Zinsmärkten zeigte sich eine veränderte Dynamik. Seit dem Amtsantritt von Präsident Trump hat die Volatilität bei zehnjährigen US-Staatsanleihen spürbar zugenommen. Ein Teil dieser Renditeentwicklung reflektiert eine gestiegene Risikoprämie und nicht allein veränderte Leitzinserwartungen.
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Aktuelle Einschätzung der Experten: Öl, Inflation und die Grenzen der „Papier“-Preise
In der aktuellen Inflationsdebatte geht es vor allem um Energie, insbesondere um Öl. Das wichtigste Signal geht dabei jedoch nicht immer von den gängigen Öl-Benchmarks wie WTI1 oder Brent Crude aus. Für Inflation und Konjunktur zählt vielmehr, wie viel Öl tatsächlich verfügbar ist.
Kennzahlen wie „dated Brent“, die mit einer physischen Lieferung verbunden sind, deuten tatsächlich auf eine erhebliche Verknappung hin, die sogar die Spannungen zu Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 übertrifft. Seit der Verschärfung des Iran-Konflikts ist der Verkehr durch die Straße von Hormus zum Erliegen gekommen und hat damit globale Energieversorgungsketten unterbrochen.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen könnten sich als gravierend erweisen, und aufgrund der Schäden an den Produktionsanlagen und der Logistik könnte die physische Ölknappheit selbst bei einer Deeskalation des Konflikts anhalten. Daher könnte die Inflation strukturell höher ausfallen, als es die Märkte bisher eingepreist haben.
Zudem ist Öl bei Weitem nicht nur für die Kraftstoffkosten relevant, sondern ist auch Grundlage für Düngemittel, die Bekleidungsproduktion, die industrielle Metallverarbeitung und große Teile der globalen Industrieproduktion. Bei anhaltenden Engpässen könnten Versorgungsketten in Mitleidenschaft gezogen werden und neben der Industrieproduktion auch die Lebensmittelpreise belasten.
Quelle: Vanguard Einschätzung vom 28.04.2026
Neubewertung von Inflationsrisiken und Zentralbankentscheidungen
Vor diesem Hintergrund sind die bisherigen Inflationsprognosen nicht mehr haltbar, denn selbst wenn sich die geopolitische Lage entspannen sollte, dürfte Öl teuer bleiben – so teuer, dass der Ölpreis nicht mit den Inflationsprognosen aus der Zeit vor den Konflikten vereinbar ist.
Zentralbanken stehen daher vor schwierigen Entscheidungen. In Großbritannien und im Euroraum wurden diese Prognosen bereits nach oben korrigiert, allerdings ist das Wachstum (zumindest im Euroraum) bisher relativ stabil.
Europa: Zyklische Erholung durch Energiepreise in Gefahr, strukturelle Hausaufgaben
Insgesamt hat sich die strukturelle Wettbewerbsfähigkeit Europas in den vergangenen Jahren verschlechtert. Der aktuelle Energiepreisschock legt diese Verwundbarkeit erneut offen. Europas Abhängigkeit von globalen Energiemärkten bleibt ein relevantes Abwärtsrisiko, auch wenn die direkte Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Mittleren Osten begrenzt ist.
USA: Politische Risiken bleiben
Die US-Wirtschaft überraschte im Startquartal positiv: Das Bruttoinlandsprodukt legte im vierten Quartal 2025 um 4,9 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Der Arbeitsmarkt befindet sich in einem stabilen Low-Hire-Low-Fire-Modus – Unternehmen stellen vorsichtig ein, entlassen aber kaum. Die Inflation bleibt trotz eines zollbedingten temporären Anstiegs im Rückgang begriffen.
Mit Blick auf die Zwischenwahlen sieht sich Präsident Trump zunehmendem Druck ausgesetzt, seinen innenpolitischen Kurs zu korrigieren.
Global
Die geopolitische Lage bleibt jedoch völlig unberechenbar, da die Volatilität der politischen Entscheidungen des US-Präsidenten sich weiterhin außerhalb eines sinnvollen Prognosekorridors bewegt.
Der Iran-Konflikt bleibt das dominierende Unsicherheitsmoment der kommenden Wochen.
Die geopolitischen, wirtschaftlichen und marktseitigen Herausforderungen werden in den kommenden Monaten nicht weniger – im Gegenteil. Umso wichtiger ist es, bereits heute die richtigen Weichen zu stellen.